Kommentar 1. Bundesliga 2014/15: Und immer trifft’s die Kleinen!


Die Bundesligasaison 2014/15 ist zu Ende. Und am Ende lässt sich feststellen: Immer trifft es die Kleinen! Die Sportclubs aus Paderborn und Freiburg müssen runter. Geschafft haben es dagen die „Großen“: Hannover, Stuttgart, Hertha und vorerst auch der HSV. Es ist tatsächlich ein Déja-vu: Insbesondere Stuttgart und der HSV haben sich in dieser Saison wiederholt mit mindestens einem Bein in der 2. Liga befunden und es am Ende direkt geschafft bzw. sich zumindest noch in die Relegation gerettet. Es scheint, als könnten diese großen Vereine einfach nicht absteigen. Egal wie brenzlig es gewesen sein mag, die großen Traditionsvereine haben es in den letzten Jahren immer wieder irgendwie geschafft, ihren Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen. Das Gleiche gilt für die „Kommerzklubs“ Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim, die sich selbst in ausweglosesten Situationen (man denke an die legendäre Hoffenheim-Rettung in Dortmund 2013!) stets retten konnten. Es hat etwas Magisches, dass es die die Großen und Reichen es doch immer schaffen, am Ende genau das eine Tor zu schießen, das sie schießen müssen…

Wenn man mal alle Magie außen vor lässt, stellt sich davon abgesehen aber die grundsätzliche Frage, warum so viele objektive Betrachter den Abstieg des SC Freiburg bedauern und stattdessen dem HSV selbigen wünsch(t)en. Die Antwort fällt nicht schwer. Wenn ein hochverschuldeter Verein mit externer Finanzspritze im Sommer 2014 nach desolater letzter Saison mehr als 30 Millionen für neue Spieler verbrät, während man beim SC Freiburg trotz Topjugendarbeit und regelmäßigen Verkäufen der besten Spieler (z.B. Ginter für 10 Millionen zu Dortmund letztes Jahr!) jeden Cent zweimal umdreht, erscheint das Ergebnis dieser Saison vielen neutralen Fans wie ein Schlag ins Gesicht. Wenn Verschuldung und Finanzdoping am Ende belohnt wird, dann kann man sich fragen, warum es nicht alle so machen. Vielleicht liegt es daran, dass man für finanzielle Vergehen gefühlt nur Punktabzüge bekommt, wenn man Sandhausen oder Aalen heißt und nicht Hamburg, Dortmund oder Schalke? Wenn man sich die nicht santionierten, viel größeren finanziellen Verfehlungen einiger „Traditionsklubs“ anschaut, dann kann einem sehr schnell die Lust am Fußball vergehen. Jedenfalls mir geht es so. Mit fairem Wettbewerb hat das wenig zu tun. Vielleicht bin ich da aber doch auch nur ein hoffnungsloser Idealist, der nicht verstanden hat, wie der moderne Fußball funktioniert.

Wenn mich mein Gefühl nicht trügt, bin ich allerdings nicht der einzige, dem die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahren missfällt. Was für mich noch schlimmer wiegt als das Gefühl der Ungleichbehandlung, ist das gebrochene Versprechen „Wer hart arbeitet, hat die Möglichkeit nach oben zu kommen“ – der Kern des Wettbewerbs, nicht nur im Sport. Gerade am jetzt abgestiegenen SC Freiburg lässt sich illustrieren, dass der Weg nach oben für viele Vereine mit hohen Hürden versehen ist und eine Etablierung auf Dauer kaum möglich ist. Wenn ein Verein wie der SC Freiburg mit einer der besten Talentförderungen in Deutschland regelmäßig Bundesligaspieler und manchmal sogar einen Weltmeister hervorbringt um diese Talente dann teuer zu verkaufen, dazu regelmäßig Topeinkäufe zum kleinen Preis macht, keine Schulden anhäuft und sich am Ende von hochverschuldeten Großklubs oder misswirtschaftenden Konzern-/Mäzen-/Oligarchenklubs, die Spieler wegkaufen lassen muss, dann stimmt etwas nicht im System.

Hier zeigt sich der Fußball andererseits wieder als guter Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. Ohne den Fußball zu sehr politisieren zu wollen – unpolitisch war er ohnehin noch nie – auch in unserer Leistungsgesellschaft wird es immer schwieriger, den Aufstieg durch Leistung zu erreichen, wenn der Wohlstand doch zunehmend konserviert und vererbt wird. Ich bin überzeugt, dass unter der Hochglanzhülle des Spitzenfußballs und hinter den zig Kamerawinkeln die Entfremdung der Fans vom Profifußball schon weiter vorangeschritten ist, als es die Verantwortlichen wahrhaben haben. Die Formel 1 kann hier ein warnendes Beispiel sein. Super inszeniert und doch wollen immer weniger diese Kommerzveranstaltung sehen.

Ohne Fans und echte Leidenschaft ist das „Produkt“ Fußball nichts wert. Das beste Beispiel ist Hannover 96. Mag es Zufall sein oder nicht, passenderweise kam der Erfolg erst wieder zurück als auch die treuesten und lautstarken Fans nach Friedensschluss mit dem Vorstand ins Stadion zurückkamen. Ich erwarte keine Implosion mit einem großen Knall, sondern einen schleichenden Rückzug der Fans. Viele Fans heißen vieles am „modernen Fußball“ in ihrer Mehrzahl längst nicht mehr gut, halten aber aus Liebe zum Fußball und ihrem Verein, häufig Teil der eigenen Identität, NOCH die Treue. Je perfekter die Inszenierung des Fußballs, je wichtiger das Geld, desto mehr erscheint die große Fußballwelt nur noch als Abziehbild der Leidenschaft, der Identifikation und des Zusammenhalts, die der Fußball verkörpern kann.

Vielleicht muss man Idealist und Fußballromantiker sein, um sich deshalb umso mehr mitzufreuen über den Aufstieg von Darmstadt 98. Ein wahr gewordenes Märchen: Ein bettelarmer Klub mit marodem Stadion ganz ohne VIP-Bereich bleibt im Sommer 2013 nur wegen des Lizenzentzugs des Erzrivalen in der 3. Liga, beendet die nächste Saison vollkommen überraschend auf Relegationsplatz 3, steigt im Relegationsrückspiel aus nahezu hoffnungsloser Ausgangslage durch einen Treffer in der 122.(!) Minute in die 2. Liga auf und macht als Krönung den Durchmarsch in die 1. Liga perfekt mit einer Mannschaft der anderswo Gescheiterten und Verkannten und einem der geringsten Etats der 2. Liga. Eine wahrlich unfassbare Geschichte, die doch wahr ist. Und diese Geschichte erfährt genau deshalb die verdiente Sympathie, weil sie einen so herrlichen Kontrapunkt zum heutigen Fußballgeschäft setzt. Das Wunder von Darmstadt zeigt: Erfolg kann man vielleicht kaufen, aber Anerkennung, Wertschätzung und Zuneigung sind nur dem sicher, der sich den Erfolg selbst hart erarbeitet hat.

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5 Kommentare zu “Kommentar 1. Bundesliga 2014/15: Und immer trifft’s die Kleinen!

  1. Darmstadt ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, dass nicht alles mit Geld planbar und erreichbar ist. Ebenso im letzten Jahr Paderborn. Ich finde das sehr schön, dass bereits im zweiten Jahr hintereindander Vereine mit unglaublichen Mini-Etats aufgestiegen sind, Clubs, die man vorher als erste Abstiegskandidaten gehandelt hat. Und dann diese olle Bolzplatz-Kaschemme am Böllenfalltor – das ist wirklich was für Fußball-Romantiker ! Bei 15.000 der 19.000 Plätze gießt tribünenlos der Regen in die Bierbecher und man steht auf uralten Steinstufen, die mit Unkraut umwachsen sind. Fußball-Nostalgiker, was willst du mehr? – Allerdings weiß ich nicht, wie sehr die DFL jetzt die Darmstädter zwingt, das Stadion zu modernisieren. Warten wir es ab. Aber diese Aufstieg ist noch eine größere Sensation als der unserer ostwestfälischen „Paderbirnen“ im letzten Jahr. – So kann es weitergehen. (Aber im nächsten Jahr erst einmal wieder der Durchmarsch von „Bielefeld“ – das ist Ehrensache!)

    • Leider gibt es nicht viele Beispiele à la Darmstadt, aber Wunder geschehen immer wieder. Ich erinnere mich auch noch immer gerne an Griechenland 2004 – und dann noch mit König Otto und unserem Bremer „Harry“ als Goldköpfchen…

      Ich hoffe, der DFB stellt keine Auflagen, die Darmstadt zu sehr belasten. Ich finde es jetzt schon ein großes Ärgernis wenn Vereine aus finanziellen Gründen auf den Aufstieg verzichten müssen. Insbesondere in den unteren Ligen nicht selten. Die Alternative ist, dass Vereine sich verschulden um den Ansprüchen zu genügen, kein Geld mehr für Neuverpflichtungen haben, usw. So haben es die Kleinen doppelt schwer, wo doch gerade durch einen Aufstieg die (finanziellen) Möglichkeiten wachsen sollte. Sicherheit muss sein, aber ganz ehrlich, warum müssen kleine Vereine teilweise ihr Stadion ausbauen ohne es dann füllen zu können? Es geht hier m.E. in erster Linie darum, ein schönes Produkt präsentieren können mit topmodernen Stadien, usw.

      Und „Bielefeld“ sehe ich wirklich gut aufgestellt für die nächste Saison. Aber selbst wenn es mit dem Aufstieg klappt, die Lilien sind wirklich nicht zu toppen in Sachen Sensation und Drama…

  2. Pingback: Prognose Bundesliga 2015/16 im „Weser Report“ (nach dem 32. Spieltag): Werder muss in die Relegation (Rückblick auf die Saisonprognose vom August und Prognose für das Saisonende) | AstroArena

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